Sonst noch

Sonntag, 23. Dezember 2007

Keine Zeit für Spannung

Der Momo-Effekt: Nie Buch-Verfilmungen anschauen, erst recht keine Phantasy-Literatur. Wir wissen das. Wir haben Michael Ende gelesen. Danach haben wir im Kino einen Fuchur gesehen, der aussah, als könne man ihn an der Schiessbude gewinnen. Oder graue Herren, furchteinflößend wie Suppenlöffel. Aber das ist lange her. Deswegen gehen wir immer wieder ins Kino und sehen Buch-Verfilmungen. Dann verbringen wir das nächste halbe Jahr damit, die Bilder wieder aus dem Kopf zu bekommen. Dann ärgern wir uns. Der Momo-Effekt eben.

Eigentlich: Verdammt gut geschrieben

Das es anders geht, beweist der Herr der Ringe. Teilweise auch die Harry-Potter-Adaptionen, aber hier teilen sich die Meinungen schon. Mit großem Aufwand läuft nun die Verfilmung des Goldenen Kompaß an. Doch der erste Teil von Philip Pullman´s brillianter Trilogie stürzt auf wirklich gemeine Art in den Trash-Graben: Großartige Darsteller rattern in tollen Bildern unter stimmungsvollem Soundtrack ein spektakulär missratenes Drehbuch herunter. Es schmerzt.

Dabei hat man mit der Umsetzung des schwierigen Stoffes lange genug gewartet: Der letzte Band erschien gedruckt bereits im Jahr 2000. Pullman schrieb eine epische Saga und bediente sich dabei munter aus der antiken Mythenkiste. Es gelang eine intelligente, kritische, vor allem aber spannende Geschichte. Clever jongliert der Autor mit Paralleluniversen, kombiniert futuristischen Schnick-schnack virtuos mit spirituellen Motiven, verzerrt nicht zuletzt die Kirche zu einer machtbesessenen Kurienfurie und erschafft eine wunderschöne Metapher für das Erwachsenwerden, während im Hintergrund der Krieg des Schöpfers gegen die Schöpfung tobt. Das alles auch noch: verdammt gut geschrieben. Der einzige Makel ist der Stempel "Kinderliteratur". Man nimmt der zwölfjährigen Protagonistin ihr Alter niemals ab, und die Erklärung, auf sich allein gestellte Kinder müssten eben früher altern, erscheint reichlich dünn. Konsequent, dass die Bücher mit unscheinbarem Cover auch als "Erwachsenenausgabe" erhältlich sind.

Rotzige Göre in fremder Welt

Lyra, die Hauptfigur des ersten Bandes, gibt die unvermeidliche Auserwählte. Ihr zur Seite steht der Dämon "Pan", die personifizierte Seele des Kindes. In Lyras Welt tragen alle Menschen ihre Seele als Tier mit sich herum. Vor der Pubertät wechseln die Kleinen fröhlich die Gestalt, werden vom Iltis zum Lama zum Grashüpfer, bis sie sich später für eine Erscheinung entscheiden. Das funktioniert prima im Film: "Pan" kuschelt sich als Eichhörnchen an den Hals seiner Besitzerin, flattert als Kolibri erschreckt auf, bei Bedrohung faucht er als wütende Raubkatze. Die Dialoge zwischen Lyra und ihm, Highlight der Vorlage und ein schlauer Trick Pullmans, um die einsame Heldin ständig in dynamischem Dialog zu fesseln, fehlen im Kino leider fast ganz. Im Buch funktioniert die Figur, weil den toughen Girlie-Sprüchen dadurch eine zerissene und angsterfüllte Innenwelt gegenüber gestellt wird. Die Film-Heldin bleibt dagegen blass. Was nicht weiter schlimm ist: Ihre Darstellerin erweist sich als glatter Fehlgriff, spielt Lyra als rotzige Göre ohne Charme und Pepp. Einzig als Scream-Queen weiß sie zu überzeugen - zugleich die einzige Qualität der deutschen Synchronstimme. Die ist ansonsten katastrophal, spricht jeden Satz im gleichen, naseweißen Parlando und geht einem schon nach einer Viertelstunde so auf die Nerven, dass man dem Gör erstmal Manieren beibringen will, bevor es weiter über die Leinwand hampelt.

Infos zum Gemetzel

Ansonsten gibt es an den Schauspielern nichts zu meckern: Allen voran Frau Kidman schafft das Kunststück, die furchteinflößende Mrs. Coulter mit abrupten Stimmungswechseln eindrücklich zu verkörpern. Die Regie geht derweil geruhsam ihrer Arbeit nach und tut das Nötige. Das nämlich lässt sich sehen: Optisch fährt der goldene Kompass schwere Geschütze auf. Imposante (teils digitale) Städte, fremdartige (ganz digitale) Zeppeline mit blauglänzenden Antriebsdüsen, ein gigantischer gepanzerter Bär - das alles sieht nicht nur toll aus, sondern ist auch detailverliebt animiert. Eine Ahnung, was für ein Film hätte entstehen können, beschleicht einen schon in den ersten Minuten. Die Gewissheit, dass all die Mühe nichts nützt, vertieft sich ebenso schnell.

Die Drehbuchautoren strebten vielleicht eine besonders genaue Umsetzung des Stoffes an: Kein Nebenstrang wurde weggelassen, keine Nebenfigur gekürzt. Das hat eine erzählerische Atemlosigkeit zur Folge, die der Atmosphäre kein Quäntchen Luft lässt. Gegen Mitte des Films tritt unmotiviert eine Hauptperson nach der anderen auf. Niemand versteht in dieser Hetze, warum die Jungs und Mädels Protagonistin Lyra überhaupt helfen oder an den Kragen wollen. Typischerweise versammeln sich schlussendlich alle zum großen Kampf, wobei die Hoffnung der Filmemacher, in dieser epischen Schlacht würden die Drehbuchmängel gnädig untergehen, geradezu greifbar ist. Es klappt nicht: Man ist verwirrt, und tendenziell gelangweilt. Und, wenn man das Buch gelesen hat, genervt von den Abziehbildern, die sich durch tellerplatte Gesprächsfetzen quälen. Denen wiederum merkt man deutlich an, dass sie nur die nötigsten Hintergrundinformationen für das nächste Gemetzel transportieren sollen: Allerlei Story-Relevantes ist oft auf zwei Dialogzeilen gequetscht. Das passt nicht und quillt unappetitlich über den Rand - der Zuschauer kann nur noch erahnen, dass er den Eintopf aus einem ehemals opulenten, dreigängigen Fantasymahl serviert bekommt.

Eineinhalb Stunden Trailershow

So wirkt der Film wie ein Trailer zum Film, scheucht seine Figuren erbarmungslos durch die Szenarien, als gälte es, die Geschichte in Rekordzeit zu erzählen. Lediglich eine Charakterdarstellung gönnt sich der goldene Kompass zu Anfang: Lyra und Freund Roger sitzen auf dem Dach des Oxford-College und beteuern sich ihre Freundschaft. Es ist die einzige Szene, die nicht zwingend Handlung vorantreibt, nicht sofort ein bahnbrechendes Ereignis, eine unerwartete Wendung präsentiert - und sie zählt doch zu den größten Schwachstellen, weil sie im Buch nicht vorkommt und demendsprechend unbeholfen-kitschig inszeniert wurde.

Ansonsten kann man bei jeder Einstellung getrost davon ausgehen, dass sie Dramatik zu erzeugen versucht. Ebendiese kommt niemals auf, die Motivation der Helden ist spätestens ab der Hälfte des Films nicht mehr verständlich. Philip Pullman hat ein dickes Buch geschrieben, aber es hat keine Zeile zu viel: Die komplexen Handlungsträger brauchen ihre Zeit, um sich entwickeln zu können. Nimmt man ihnen diese, kann auch die beste Umsetzung das Ergebnis nicht mehr retten: Der goldene Kompass will alle Dimensionen seiner Vorlage transportieren. Er stemmt keine einzige.
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Bella Mortadella

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